...nachlesen!
Der 30-jährige German Siedler zeigt seine Bilder im Rathaus-Casino – Die menschlichen Schattenseiten verarbeitet
Mainz. Die Straße öffnet sich breit und einladend. Sie wirkt wie ein behäbiger, ruhiger Fluss, der sich gemächlich, doch zielstrebig seinen Weg bahnt. Die Häuser zu beiden Seiten assoziieren Pipi Langstrumpfs fröhliche „Villa Kunterbunt“: Sie strahlen Gemütlichkeit aus, signalisieren mit ihren leuchtenden Fenstern Geborgenheit. Am Horizont krümmt sich der Weg durch eine Allee. Wohin? Das bleibt offen.
German Siedler, der Schöpfer dieses Bildes, ist seinen Weg auf ganz spezielle Weise gegangen. Gemalt hat der 30-Jährige schon als Kind, er entwickelte auch Talente als Graffiti-Künstler. Eine langwierige Erkrankung zwang ihn zu einer Neuorientierung seines Lebens. Das Malen mit Acryl und Öl war ein Aspekt seiner persönlichen Therapie.
Einen Teil dieser Gemälde zeigt er derzeit im Casino des Mainzer Rathauses. Organisiert und betreut wird die Ausstellung von SPAZ, dem sozialpädagogisch allgemeinbildenden Zentrum für Beratung und Beschäftigung.
„Wenn ich male, fühle ich Freiheit“, bekennt der Mommenheimer: „Meine Bilder entwickeln sich wie intuitive Kompositionen“. Er empfinde sie als eine besondere Art von Kommunikation – auch mit sich selbst. Einige Bilder berichten von Kämpfen, vom „Ringen mit Dämonen“ und von der tiefen Weisheit, die das Erkennen und Annehmen menschlicher Schattenseiten vermittelt. „Das ist wie eine Befreiung“. Damit zeigt er auf eines der Exponate, eine abstrakte, leuchtend blaue Farbkomposition: „Sie ist für mich der Ausdruck von Lebensfreude“ – ein Sieg über die dunklen Tiefen des Lebens, wie ihn auch das daneben platzierte Exponat versinnbildlicht.
Es ist die erste Ausstellung des jungen Künstlers. Organisiert hat sie SPAZ: „Wir bilden junge Leute aus, wollen aber auch Chancen für die weitere berufliche Zukunft vermitteln“, erläuterte Geschäftsführerin Silvia Riemer. Darunter versteht SPAZ unter anderem künstlerische Starthilfen – wie in Siedlers Fall auch für Probanden, die nicht bei der Gesellschaft ausgebildet werden. Als Betreiberin des Rathaus-Casinos hat SPAZ festgestellt, dass „die vielen weißen Wände sich wunderbar zur Präsentation künstlerischer Objekte eignen“. Die Ausstellungsstücke von German Siedler bringen fröhliche bunte Tupfer in den Behördenalltag. Trudy Magin
Mainzer Rhein-Zeitung vom 12.08.2010
Älterer Artikel | Index | Neuerer Artikel